Definition des Begriffs Berufsunfähigkeit

Die Definition des Begriffs Berufsunfähigkeit findet sich einzig und allein in jenem bedruckten Stück Papier, welches man letztendlich unterschrieben und gekauft hat – in den Versicherungsbedingungen ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung.

Eine verpflichtende Musterdefinition gibt es nicht, der Begriff Berufsunfähigkeit wird immer individuell und von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich definiert.

Erst im neuen Versicherungsvertragsgesetz von 2008 wurde der Begriff Berufsunfähigkeit überhaupt allgemein definiert. Die nachstehende Formulierung des §172 Abs. 2 VVG stellt allerdings nur eine Art untere Grenze dar, von der die Anbieter jederzeit positiv abweichende Regelungen verwenden können und das in Ihrem Sinne auch tun sollten.

Berufsunfähig ist, wer seinen zuletzt ausgeübten Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war, infolge Krankheit, Körperverletzung oder mehr als altersentsprechendem Kräfteverfall ganz oder teilweise voraussichtlich auf Dauer nicht mehr ausüben kann.

Quelle: §172 Abs. 2 VVG

Die BU Definition im Sinne des Versicherungsvertragsgesetzes lässt sich zunächst in die folgenden Bausteine zerlegen:

  • der zuletzt ausgeübte Beruf, so wie er ausgestaltet war
  • die versicherten Gefahren – gesundheitliche Beeinträchtigungen
  • den Prognosezeitraum

Der Definition des Berufs ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Liegt vor allem daran, dass die Berufsdefinition stets auch an anderen Stellen der Versicherungsbedingungen konkretisiert wird und nicht selten auch dem Risiko einer Kriterienänderung unterliegt.

Zudem gilt es die spannende Frage nach der “Ausgestaltung” zu klären, Beispiel: “Ist ein Unternehmensberater, der 9 Monate im Krankenhaus liegt, aber vom Laptop aus arbeiten kann, eigentlich überhaupt berufsunfähig?”

Für die Kriterien Prognosezeitraum, Dauer und Leistungsbeginn stets rückwirkend gibt es ebenfalls ein eigenes Kapitel.

Die versicherten Gefahren

In diesem Artikel wollen wir uns zunächst nur mit den versicherten Gefahren, den gesundheitlichen Beeinträchtigungen beschäftigen, die zu einer Berufsunfähigkeit führen können. Das Versicherungsvertragsgesetz kennt drei davon:

  • Krankheit
  • Körperverletzung
  • mehr als altersentsprechender Kräfteverfall

Der Begriff Krankheit ist selbsterklärend, Krankheiten sind statistisch die Hauptursachen für eine Berufsunfähigkeit. Wichtig: Der Begriff Krankheit ist in der Berufsunfähigkeitsversicherung ein anderer als in der Krankenversicherung.

Eine Körperverletzung ist eine Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit und physich sowie auch psychisch bedingte Störungen der inneren Lebensvorgänge. Ja, auch psychische Beeinträchtigungen können eine Körperverletzung sein.

Die schwierige Frage ist jedoch, was ist eigentlich ein (mehr als altersentsprechender) Kräfteverfall? Mit dieser Frage hat sich das OLG Frankfurt a. M. im Urteil vom 20.03.2003 am Rande auseinandergesetzt, Ergebnis: “Nicht altersentsprechender Kräfteverfall” , wie in §172 Abs. 2 VVG formuliert, meint das Nachlassen der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit über den altersgemäßen Zustand hinaus.

Man kann also zum Beispiel das Nachlassen der Sehkraft, das übliche Nachlassen der Körperkraft durch Abbau der Muskelmasse oder bspw. auch schwerwiegende Beschwerden in Folge der Wechseljahre als altersbedingten Kräfteverfall einstufen.

Heißt im Klartext: Kann die 55jährige Krankenschwester den schweren Patienten nicht mehr lagern, respektive andere kraftraubende Kerntätigkeiten nicht mehr ausführen (weil die Kraft einfach fehlt), ist sie im Sinne eines “altersentsprechenden Kräfteverfalls” in Relation zum Zustand der 55jährigen in der Gesamtbevölkerung nicht berufsunfähig.

Meine persönliche Meinung: Inakzeptabel!

Die Regelung “mehr als altersentsprechender Kräfteverfall” stellt eine klare Einschränkung des Leistungsversprechens dar. Deutlich wird das, wenn man mal einen Blick in die Gesetzesbegründung zum VVG vom 11.10.2006 wirft. Dort steht …

“Das normale altersbedingte Nachlassen der Kräfte des Versicherungsnehmers und die sich daraus ergebenden Folgen für seine Berufsausübung sind nicht versichert, es sei denn, im Versicherungsvertrag ist eine andere Regelung getroffen worden.”

Somit wird klar, ein Versicherer kann sehr wohl positiv von der Regelung des VVGs abweichen.

In der Praxis gibt es dafür zwei Möglichkeiten. Zum Einen gibt es Anbieter, die ausdrücklich ein Leistungsversprechen für altersbedingten Kräfteverfall formulieren, zum Anderen kannten die Versicherer vor dem VVG von 2008 die Regelung “mehr als altersentsprechend” gar nicht.

Letzteres führt dazu, dass gerade in Alttarifen, aber auch in vielen aktuellen Tarifen schlichtweg einfach nur “Kräfteverfall” drin steht.

Problem: Bei Verträgen vor 2008 ergibt sich aus der Auslegung, dass der Versicherer grundsätzlich den unvorhersehbaren Fall absichern möchte, nicht aber den vorhersehbaren Fall altersentsprechenden Kräfteverfalls.

Bei Verträgen ab dem 01.01.2008 hätte der Versicherer aber in seinen AVB (seine Willenserklärung gem. §§ 133, 154, 242 BGB) auf “mehr als altersentsprechenden Kräfteverfall” abstellen können, wenn er das gewollt hätte. Verwendet der Versicherer jedoch eine abweichende Formulierung, ist davon auszugehen, dass der Wille des Versicherers darauf gerichtet ist, dem Versicherungsnehmer einen Vorteil ggü. der Mustereinschränkung zukommen zu lassen.

Das Thema Kräfteverfall wird auch in Fachkreisen durchaus kontrovers diskutiert. Die höchste Leistungswahrscheinlichkeit ergibt sich in Folge einer klaren Definition, wie sie beispielsweise die Alte Leipziger verwendet …

Liegt ein Kräfteverfall im vorstehenden Sinne vor, leisten wir sowohl bei altersentsprechendem als auch bei mehr als altersentsprechendem Kräfteverfall.

Quelle: Alte Leipziger BV10 §2 Abs. 1

Dennoch ist davon auszugehen, dass Versicherungsbedingungen von ab dem 1.1.2008 abgeschlossenen Verträgen ohne die Einschränkung “mehr als altersentsprechend” ebenfalls bei altersentsprechendem Kräfteverfall zu leisten hätten, nur klären muss man das im Zweifelsfall vor Gericht. Will man das?

Kurzum: Gerade Versicherungsnehmer mit Berufen, die vergleichsweise hohe Anforderungen an das körperliche (bspw. Sehkraft, Körperkraft) und geistige Leistungsvermögen stellen, sollten Wert auf ein klares bedingungsseitiges Leistungsversprechen hinsichtlich der Kräfteverfallsproblematik legen.

Von |2017-03-30T19:30:22+00:00März 26th, 2016|0 Kommentare

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Als Versicherungsmakler habe ich mich auf die bedarfsgerechte Vermittlung der Berufsunfähigkeitsversicherung spezialisiert. Meine Dienstleistung erbringe ich bundesweit per Onlineberatung, gestützt auf Telefon und begleitet von Bildschirmpräsentationen.

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