Prozessquote und Leistungsquote in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Gerade bei komplexen Versicherungsprodukten wie einer Berufsunfähigkeitsversicherung ist der Wunsch nach einfacher Vergleichbarkeit groß.

Das hat vor allem zwei Gründe:

  • Erstens die Bequemlichkeit. Wäre doch schön, wenn man ein komplexes Versicherungsprodukt einfach so in eine Zahl pressen könnte.
  • Zweitens die Zahlengläubigkeit, gibt es doch das leider völlig irreführende Sprichwort: Zahlen lügen nicht …

Kurzum: Wenn es öffentlich zugängliche Prozessquoten und Leistungsquoten der BU Versicherer gibt, kann ich nicht einfach danach meine Berufsunfähigkeitsversicherung auswählen? Antwort: Entschieden nein! … Prozessquoten und Leistungsquoten haben meist überhaupt keine Aussagekraft!

Und selbst wenn diese Quoten eine inhaltliche Aussagekraft hätten, dann nur als Momentaufnahme. Sie sind keinerlei einklagbares Recht, geschweige denn eine Garantie für die Zukunft.

Nehmen wir mal ein einfaches Beispiel: Sie laufen gemütlich durch die Stadt und werden von einem sympathischen Kerl mit schlüssiger Begründung höflich um einen Euro gebeten. Vielleicht geben Sie ihm diesen, ich mache das von Zeit zu Zeit ganz gern. Kurz drauf bettelt Sie ein Kerl äußerst unhöflich um 500 Euro an, er riecht stark nach Alkohol. Die 500 Euro wird er wohl eher nicht bekommen.

Dieses einfache Beispiel können wir in vielerlei Hinsicht auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung übertragen. Die Prozessquote und die Leistungsquote geben bspw. nicht an, was da wie bewilligt oder abgelehnt wurde.

Quoten resultieren aus dem Bestand

Ewiger (positiver) Spitzenreiter bei der Prozessquote wird (die nicht mehr existente) Hamburg Mannheimer bleiben. Und warum? Nun, der Strukturvertrieb verkaufte über Jahre bevorzugt kapitalbildende Versicherungen mit geringen monatlichen Beiträgen inklusive einer sehr kleinen BUZ (Berufsunfähigkeitszusatzversicherung).

Wenn der Kunde also bis zum Eintritt der Berufsunfähigkeit nicht ohnehin vergessen hat, dass da irgendwo mal 1-2-300 Euro BUZ an einem Vertrag mit dran hingen, tut es im Zweifelsfall auch nicht so weh die paar Euro durchzuwinken, so das auf Basis der Bedingungen überhaupt nötig ist. Was der Versicherer rechtmäßig auf Basis seiner Bedingungen ablehnen kann, landet ja auch nicht vor Gericht. Und wer klagt wiederum für bspw. 100 Euro mtl. BU Rente?

Kurzum: Für die Berechnung der Prozessquote wird der gesamte Bestand heran gezogen. Völlig unabhängig davon, ob der aus echten BU Renten oder Hartz 4 Vermeidungspolicen oder Beitragsbefreiungszusatzversicherungen besteht.

Mangelnde Aussagekraft bedingt nicht gleich eine Lüge

Auch wenn wir als moderne Menschen sehr zahlengläubig sind. Ein auf Zahlen basierendes Resultat muss weder Lüge sein noch automatisch Aussagekraft besitzen, nur weil es wahr ist.

Nehmen wir das zweite Extrembeispiel VHV. Die Jungs sind seit 2004 im Markt für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Die Ratingagentur Morgen & Morgen bewertet die Leistungsquote der VHV als hervorragend und die VHV wirbt auch damit. Die Prozessquote der VHV betrug im Jahr 2013 gerade mal 0 %.

Ist jetzt aber auch nicht so überraschend, bei knapp 1.500 Verträgen im Bestand und 2 von insgesamt 3 Leistungsanträgen bisher, welche die VHV Stand 2013 anstandslos reguliert hatte. Egal, für einen Testsieg in der damaligen Finanztest reicht es alle Male.

Vermutlich würde in Anbetracht dieser erweiterten Zahlen niemand auf die Idee kommen, sein existenzielles Wohlergehen auf die Prozessquote der VHV zu stützen, oder?

Prozessquote und Leistungsquote keinerlei Garantie

Und selbst wenn man der Prozessquote oder Leistungsquote der BU Versicherer eine Aussagekraft zugestehen würde, welche Garantie würde dies dem Kunden bieten? Keine! Die Quoten sind reine Momentaufnahmen.

Sollte man also der Denkweise unterliegen, dass es besonders kulante Versicherer gäbe, so sollte man doch spätestens in Hinblick auf mehrere Jahrzehnte Laufzeit einer Berufsunfähigkeitsversicherung auf den Trichter kommen, dass sich daraus keine Garantie für das Regulierungsverhalten in der Zukunft ableiten lässt.

Wen interessiert 2030 welche Prozessquote die Pfefferminzia in 2015 hatte und welchen rechtlichen Anspruch will man daraus ableiten und durchsetzen?

Die Denkweise hinsichtlich einer potentiellen Kulanz ist jedoch grundsätzlich absurd. Hinter jedem Versicherungsprodukt steht eine Versicherungsgemeinschaft.

Würde ein Versicherer besonders “kulant” agieren, wäre dies Betrug an der Versicherungsgemeinschaft. Formuliert ein Kunde einen Leistungsanspruch gegen die Versicherungsgemeinschaft, sollte dieser selbstverständlich auf Rechtmäßigkeit geprüft werden. Wäre dem nicht so, wäre es wiederum die Versicherungsgemeinschaft (also auch Sie), die mit ihren (zusätzlichen) Prämien für die “Kulanz” bezahlt.

Glücklicherweise ist das nicht so. Jeder Versicherer wird die Leistungspflicht verweigern, wenn es dafür Gründe gibt und das ist auch gut so. Ansonsten wäre eine Berufsunfähigkeitsversicherung unbezahlbar.

Doch auf welchen Faktoren basiert die Leistungswahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeitsversicherung dann?

Basis für die Leistungswahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeitsversicherung

Die Leistungswahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeitsversicherung basiert vor allem auf drei Faktoren:

  • Sorgfältige Auswahl der Bedingungen
  • Sorgfältiger und sauberer Antrag
  • Sorgfältiger und vollständiger Leistungsantrag

Nur wer die Bedingungen verschiedener Tarife tatsächlich vergleicht, kann die individuelle und bedingungsgemäße Leistungswahrscheinlichkeit eines Tarifs tatsächlich bestimmen. Und das heißt im Klartext: Bedingungen tatsächlich lesen, bzw. vom Experten erklären lassen. Häkchen, Eulchen oder Schlüsselchen irgendwelcher Vergleichssoftware ersetzen niemals das Lesen der Bedingungen! Falls nicht -> drohen unangenehme Überraschungen in Folge eines Leistungsantrags, der Versicherer liest seine Bedingungen dann ganz genau

Doch die besten Bedingungen nützten nichts, wenn der Antrag nicht sauber aufbereitet wurde. Und das heißt, gefahrerhebliche Umstände, nach denen der Versicherer in Textform gefragt hat, sind wahrheitsgemäß anzugeben. An der sorgfältigen Aufbereitung der Gesundheitshistorie führt kein Weg vorbei, eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann man nicht in 30 Minuten abschließen. Falls nicht -> droht eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht

Kommt es zum Fall der Fälle, muss der Leistungsantrag sorgfältig aufbereitet, die erforderlichen Unterlagen zusammengetragen werden. Nur so kann ich dem Versicherer anhand seiner Bedingungen nachweisen, dass ich bedingungsgemäß berufsunfähig bin. Falls nicht -> produziere ich wahlweise eine Ablehnung oder verzögere die Leistung selbst unnötig

 

Von |2017-03-30T19:26:54+00:00März 20th, 2017|0 Kommentare

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Als Versicherungsmakler habe ich mich auf die bedarfsgerechte Vermittlung der Berufsunfähigkeitsversicherung spezialisiert. Meine Dienstleistung erbringe ich bundesweit per Onlineberatung, gestützt auf Telefon und begleitet von Bildschirmpräsentationen.

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