Risikovoranfrage für eine Berufsunfähigkeitsversicherung2017-04-29T02:11:02+00:00

Risikovoranfrage für eine Berufsunfähigkeitsversicherung

Warum Risikovoranfragen wichtig sind, wie man sie korrekt stellt und warum anonyme Risikovoranfragen ein Mythos sind.

Risikovoranfragen (auch Rivo) sind eine einfache Abfrage der Versicherbarkeit. Der Versicherungsnehmer / Interessent informiert den Versicherer (“schau, das ist meine Gesundheitshistorie / meine Hobbies / sonstige relevante Umstände”), der Versicherer erstellt eine Einschätzung in Form eines Votums.

Risikovoranfragen sind stets unverbindlich und werden im Gegensatz zu Anträgen nicht dauerhaft beim Versicherer gespeichert. Zudem darf der Versicherer im Rahmen einer Risikovoranfrage mitgeteilte Daten und Erkenntnisse nicht an HIS, die Sonderwagnisdatei der Versicherer, weiter melden.

Risikovoranfragen sind – so man sie korrekt nutzt – somit das ideale strategische Instrument die Versicherbarkeit zu prüfen, angebotene Konditionen nachzuverhandeln und das alles ohne Konsequenzen und Verbindlichkeit.

Praktische Umsetzung einer Risikovoranfrage

Es gibt verschiedene Möglichkeiten eine Risikovoranfrage praktisch umzusetzen. Ich nutze in der Regel eine formlose Darstellung der gefahrerheblichen Umstände, angereichert mit grundlegenden biometrischen Daten und ggf. ergänzt um notwendige Arztberichte oder Befunde.

Weiterhin besteht die Möglichkeit elektronische Risikovoranfragen über entsprechende Tools zu stellen, beispielsweise vers.diagnose. Davon ist im Regefall abzuraten. Solche Tools produzieren sehr schnell Anzeigepflichtverletzungen, haben mit individueller Risikoprüfung nichts zu tun und lassen keinen Verhandlungsspielraum übrig.

Andere Kollegen arbeiten mit einheitlichen Fragebögen, in anbetracht individueller Umstände und Zielsetzungen meiner Kunden, halte ich davon nicht viel. Standardisierung spart ohne Frage Zeit, wird den Bedürfnissen des Kunden aber eher selten gerecht.

Zudem gibt es Versicherer, die Risikovoranfragen nur noch in bestimmter, vorgegebener Form bearbeiten. Hier muss jeder für sich entscheiden, ob man sich über Jahrzehnte an einen Versicherer binden möchte, der in der Risikoprüfung schon nicht fair arbeitet.

Mythos anonyme Risikovoranfrage

Insbesondere aus den Reihen des (selbsternannten) Verbraucherschutzes stammt die pauschale Empfehlung, stets anonyme Risikovoranfragen oder Probeanträge zu stellen.

Noch eher harmlose Beispiele:

“Eine Risikovoranfrage sollte immer ein spezialisierter Makler oder Honorarberater für Sie vornehmen, … . Der Makler schwärzt in einem Versicherungsantrag alle persönlichen Informationen und schreibt die Anbieter an.”

Quelle: finanztip.de

“Dann lassen sie sich von einem Versicherungsmakler oder Versicherungsberater helfen. Bei diesen können sie häufig eine anonyme Risikovoranfrage stellen …”

Quelle: Finanztest Juli 2014

Nun, Sie können durchaus eine anonyme Risikovoranfrage stellen, möglich ist das. Mehr als die Hälfte der Versicherer wird diese dann erst gar nicht bearbeiten. Aber es gibt durchaus auch Versicherer, die ausschließlich anonyme Risikovoranfragen verlangen.

Die wesentliche Frage ist aber: Was bringt eine anonyme Risikovoranfrage?

Erstes Beispiel: Sie haben erhebliche allergische Beschwerden, insbesondere im Kontext diverser Gräser / Pollen. Im Beruf des Landschaftsgärtners sind Sie damit bereits berufsunfähig. Woher soll der Versicherer denn bei einer anonymen Risikovoranfrage wissen, dass Sie doch eigentlich den ganzen Tag als Diplom Kaufmann im Büro arbeiten (und die Allergie somit vergleichsweise unproblematisch für Ihre Berufsausübung ist?

Zweites Beispiel: Sie haben eine Kontaktallergie, beispielsweise auf Mehl oder Nüsse. Als Bäcker sind sie damit bereits so gut wie berufsunfähig. Woher soll der Versicherer bei einer anonymen Risikovoranfrage wissen, dass Sie gar kein Bäcker sind?

Es gibt in Abhängigkeit von Gesundheitshistorie / Krankheitsbildern so einige Daten und Gegebenheiten, ohne die eine sinnvolle Risikoprüfung häufig gar nicht möglich ist. Dazu zählen unter anderem Alter, Beruf, Rauchverhalten, Gewicht …

Ihr Name ist wiederum für die Risikoprüfung selbst tatsächlich nicht von Belang. Es gibt aber einen guten Grund auch diesen anzugeben. Wenn Sie eine Risikovoranfrage korrekt stellen, können Sie sich inhaltlich mit dem Antrag auf das Ergebnis (Votum) beziehen. Weichen die Angaben im Antrag nicht von der Risikovoranfrage ab, wird auch so policiert, wie im Votum angegeben.

Es dürfte schwierig sein eine anonyme (ggf. zusätzlich selektive) Risikovoranfrage zuzuordnen. Wenn es Umstände gibt, die vorher anonym abklärbar sind, wird der versierte Makler das Telefon in die Hand nehmen und direkt mit dem Risikoprüfer sprechen. Anonyme Risikovoranfragen sind hingegen nur ein Mythos.

Fallstricke bei Risikovoranfragen

Es gibt zwei wesentliche Fallstricke im Umgang mit Risikovoranfragen, korrekte Aufbereitung der Gesundheitshistorie und die Interpretation eines Votums.

Die korrekte Aufarbeitung der Gesundheitshistorie ist nichts für “do it yourself”. Warum? Dazu können Sie beispielsweise einmal im Artikel Abrechnungsdiagnosen gefährden Ihre Berufsunfähigkeistversicherung nachlesen.

Ein typischer Laienfehler in diesem Zusammenhang ist auch die so genannte Fragebogenfalle. Nur weil ein Versicherer Fragebögen anbietet, sind diese noch lange nicht unaufgefordert auszufüllen. Fragebögen dehnen Ihre Anzeigepflicht IMMER erheblich weiter aus, als das gesetzlich zunächst notwendig ist.

klettern

Die höchste Anfälligkeit für Fehler bietet jedoch die korrekte Interpretation der Ergebnisse von Risikovoranfragen. Ein Votum kann medizinisch glatt sein, aber auch Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse enthalten. Leistungsausschlüsse zu lesen und zu verstehen, das erfordert Erfahrung, Fachwissen und Marktkenntnis.

Schauen wir uns nachfolgendes einfaches Beispiel an. Der Kunde hatte unter anderem eine Einschränkung des Sehvermögens von mehr als 8 Dioptrien. Am Markt sind Leistungsausschlüsse bereits ab 6 Dioptrien üblich, bis 8 Dioptrien kann im Einzelfall auch medizinisch glatt versicherbar sein.

Der Kunde bekam in Folge der Risikovoranfragen unter anderem die beiden nachfolgenden Angebote:

Funktionsausschluss für die Augen

augen

Im beispielhaften Votum des HDI wurden jegliche Einschränkungen des Sehvermögens der Augen ausgeschlossen. Heißt im Klartext, die Augen werden im Falle eines Leistungsantrags generell nicht berücksichtigt, insbesondere nicht beim Erreichen der quantitativen 50 % Grenze ( … zu 50 % nicht mehr in der Lage, den zuletzt ausgeübten Beruf auszuüben …).

Es sollte verständlich sein, dass dies keine sonderlich attraktive Regelung ist. Dennoch, das ist längst nicht die schlechtmöglichste Regelung. Zumindest der gefährlichste Teil von Leistungsausschlüssen, der Blankocheck ” … und Folgen …” wurde hier nicht ausgeschlossen.

Es geht aber auch anders, wie wir im zweiten Beispiel sehen werden.

Leistungsausschluss Netzhautdegeneration und Netzhautablösungen

netzhautdegeneration

In diesem Votum der Alte Leipziger wurden nur Netzhautdegeneration und Netzhautablösung ausgeschlossen. Bei starker Fehlsichtigkeit steht die Netzhaut durch die Veränderung der Augenform unter großer Belastung. Es ist möglich, dass es zu einer Netzhautablösung kommen kann.

In Folge dieser Geschichte ist theoretisch sogar eine Erblindung möglich. Ausgeschlossen ist hier aber eben nur dieser theoretische “worst-case” Erblindung. Auswirkungen des eingeschränkten Sehvermögens sind nicht ausgeschlossen.